Zwei Minnekästchen aus dem Fundus von Past Present Promotions.

Mittelalterliche Minnekästchen

Als Minnekästchen werden kleine, reich verzierte Kästchen aus Holz oder Elfenbein bezeichnet. Der Begriff „Minnekästchen“ stammt jedoch nicht aus dem Mittelalter. Er ist eine Wortschöpfung des 19. Jahrhunderts. Im Mittelhochdeutschen nannte man kleine Kästchen, egal für welchen Zweck, einfach „truhelin“, „sc(h)rin“, „kistlin“, „laden“, „lädlin“ oder ähnlich.

Die Frage nach der Mittelalterlichkeit von Minnekästchen

Lange Zeit wurden quasi alle derartigen Kästchen in Museen und Privatsammlungen als Fälschungen identifiziert. Ebenso wie der Begriff sollen auch die Kästchen selbst Schöpfungen des 19. Jahrhunderts gewesen sein. Mittlerweile wird die Echtheit vieler dieser Kästchen aber nicht mehr angezweifelt. Weder zeigen sie ein für das Mittelalter unübliches oder unmögliches Bildprogramm, noch sind in ihnen damals noch nicht bekannte Materialien oder Techniken zur Anwendung gekommen. So dürften die erhaltenen, als Minnekästchen angesprochenen Gegenstände tatsächlich überwiegend aus dem 13. bis 15. Jahrhundert stammen.

Eine Kultur des Schenkens

Im Mittelalter pflegten die Menschen eine Kultur des Schenkens. Durch Geschenke versicherte man sich gegenseitiger Freundschaft. Man bekräftigte derart Bündnisse und Verträge, sowohl im politischen wie auch im privaten Leben.

Auch Liebende tauschten reichlich Geschenke aus. Diese sollten jedoch die Erinnerung an den geliebten Menschen wach halten. Auf keinen Fall sollte mit ihnen die Liebe erkauft werden. Thomasin von Zerklaere zählt daher in seiner zu Beginn des 13. Jahrhunderts entstandenen Sittenlehre „Der Welsche Gast“ eine kleine Reihe von Geschenken auf, die eine Dame von ihrem Verehrer annehmen darf, ohne gegen die guten Sitten zu verstoßen: „hantschuch, spiegel, vingerlin, fürspan, schapel, blumelin“.

Noch ein bisschen früher, Ende des 12. Jahrhunderts, hatte Andreas Capellanus sein Traktat „de amore“ verfasst. In diesem stellt er ebenfalls eine solche, jedoch umfangreichere Liste auf. Darin sind auch „Repositoria“ und „Pyxidem“ enthalten: Kästchen bzw. Büchsen, letztere wohl aus dem dafür beliebten Horn oder Elfenbein. Wir dürfen getrost davon ausgehen, dass entgegen aller Empfehlungen nicht wenige dieser Geschenke gemacht wurden, um das weibliche Objekt der Begierde ins Bett zu bekommen.

In Italien und Frankreich war es zudem Sitte, zur Verlobung bzw. zur Hochzeit ein kleines Geschenk zu machen. Dieses war dann gerne in einem kleinen Kästchen verpackt, dass die Wappen der sich verbindenden Familien zeigte. Allgemein dürften Minnekästchen meist nicht das Geschenk selbst, sondern eher die mehr oder weniger aufwendigen Verpackungen für die eigentlichen Liebesgaben gewesen sein.

Ob es diese Sitte auch im römisch-deutschen Reich nördlich der Alpen gab, ist unbekannt. Auffällig ist auf jeden Fall, dass Minnekästchen vor allem aus dem süddeutschen Raum stammen. Im Niederdeutschen Raum sind sie sehr selten und wahrscheinlich aus Süddeutschland dorthin gelangt.

Die Ausführung der Verzierungen auf Minnekästchen

Die Verzierungen auf Minnekästchen können auf ganz unterschiedliche Weise ausgeführt sein. Alle Kästchen waren ursprünglich bunt bemalt. Von der Farbfassung ist heute vielfach jedoch nichts mehr erhalten, denn im 19. Jahrhundert wurde diese vielfach entfernt. Häufig kommen Relief-Schnitzereien vor, die auf den Korpus des Kästchens aufgesetzt sind. Auch Intarsien-Arbeiten sind möglich. Viele Kästchen sind zudem außer mit Schloss und Scharnieren mit zahlreichen Metallbeschlägen versehen.

Vor allem in Frankreich bestehen Minnekästchen oft auch aus Elfenbein. An östlich des Rheins entstandenen Kästchen ist dieses Material nicht verarbeitet worden.

Das Bildprogramm der Minnekästchen

Neben den Wappen und den damit eng verbundenen Turnierszenen ist Frau Minne ein beliebtes Motiv auf Minnekästchen. Mal geflügelt, mal nicht, verschießt sie Liebespfeile in das Auge oder das Herz des Mannes. Insgesamt scheint das gequälte Herz des Mannes ein beliebtes Motiv auf Minnekästchen zu sein. Ein weiteres, mehrfach anzutreffendes Motiv ist das Paar, das die Hände zum Hochzeitsgestus ineinander legt. Diese Geste scheint so typisch gewesen zu sein, dass selbst die Darstellung nur der Hände als Hinweis auf die eheliche Verbindung ausgereicht hat, um verstanden zu werden.

Auch wilde Männer tauchen auf Minnekästchen des 14. und 15. Jahrhunderts immer wieder auf. Sie sind zunächst Ausdruck einer ungezügelten Triebhaftigkeit. Nicht umsonst unterliegen sie in den Darstellungen dem strahlenden, tugendhaften Ritter. Später wandeln sie sich zum Symbol eines ungebundenen Lebens, frei von höfischen Regeln. Ebenso sind auf Minnekästchen wilde Tiere und Fabelwesen dargestellt. Auch sie müssen, je nach Symbolik des jeweiligen Wesens, in ihrer Wildheit überwunden werden, sind Symbol für Treue oder beschützen den Inhalt des Kästchens vor unerlaubten Blicken. Speziell das Motiv der Hasenjagd hat bis heute seine sprichwörtliche Bedeutung behalten, handelt es sich dabei doch in den seltensten Fällen um das weidmännische Nachstellen nach Langohren.

Da Blumen zu den erlaubten Liebesgeschenken zählten, sind auch sie bzw. das Schenken von Blumen und Blumenkränzen ein häufiges Motiv auf Minnekästchen. All diese Motive und noch zahlreich mehr können einzeln oder in Kombination auftauchen. Je nach beabsichtigter Aussage sind sie sogar zu regelrechten Bildergeschichten kombiniert.

Minnekästchen in unserem Fundus

Derzeit befinden sich zwei freie Nachschöpfungen mittelalterlicher Minnekästchen in unserem Fundus. Eines ist inspiriert durch ein Kästchen aus der Mitte des 13. Jahrhunderts / 1. Hälfte des 14. Jahrhunderts, das sich heute in der Cloisters Collection im Metropolitan Museum in New York befindet. Das zweite Kästchen ist verziert mit einer freien Zusammenstellung verschiedener Motive aus dem frühen 14. Jahrhundert. Auf unseren Mittelaltermärkten kann man in der Regel den Handwerkern beim Bau und der Bemalung dere Kästchen zusehen – und dann natürlich auch sein eigenes Kästchen erwerben.

Literatur

Wurst, Jürgen: Reliquiare der Liebe. Das Münchner Minnekästchen und andere mittelalterliche Minnekästchen aus dem deutschsprachigen Raum. München 2005.

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